Wenn es um Beziehungen geht, höre ich in meinen Seminaren häufiger mal das Wort „Verlustangst“ im Zusammenhang mit Partnerschaft und Liebe. Und natürlich verstehe ich durchaus, was damit gemeint ist und wie sich das in etwa anfühlt. Es hat jedoch mit Liebe nichts zu tun:

Verlustangst kann vieles bedeuten – gerade im Alter zum Beispiel, ist Verlustangst normal, da man selbst oder der Partner irgendwann stirbt, und man ihn damit ja quasi verliert.

Die Verlustangst, mit der ich es häufiger zu tun bekomme, ist allerdings wohl die Angst, den gerade gewonnen Partner wieder zu verlieren.

Manchmal hat Verlustangst aber auch den Aspekt der Angst vor dem Verlust der eigenen Identität – des eigenen „Lebens“, durch eine Partnerschaft.

Doch – der Reihe nach:

Wie entsteht Verlustangst?

Verlustangst beruht fast immer auf einer Kindheitserfahrung:

Wer als Kind ein traumatisches Erlebnis hatte, wo er befürchten musste, von den Eltern im Stich gelassen oder verlassen zu werden – oder sogar tatsächlich verlassen wurde – der hat als Erwachsener oft übermäßige Angst davor, vom Partner verlassen zu werden… und nennt das Verlustangst.

Wenn Du als Kind von Deinen Eltern im Stich gelassen wurdest, dann ist das schlimm und traurig. Für ein Kind ist es traumatisch, wenn so etwas passiert. Die Angst und das schlechte Gefühl, das damit einhergeht, ist real und es ist auch der Tatsache geschuldet, dass Du als Kind auf Deine Eltern angewiesen bist und eine enge Bindung hast – schließlich bist Du in gewisser Weise ein Teil von ihnen.

Es kann aber tatsächlich auch durch Missverständnisse oder schlechte Kommunikation entstehen: Nicht immer entsteht ein Trauma durch wirklich schlimme Umstände. Manchmal verstehen wir etwas nicht – oder falsch – und ziehen daraus den Schluss, dass die Eltern einen verlassen wollen oder dass z.B. das „Verlassen werden“ eines Elternteiles mit einem selbst – dem Kind – zu tun hätte.

Auswirkungen der als Kind erlernten Verlustangst

Wer ein solches Trauma erlitten hat und demnach ohnehin sensibel ist in Sachen „Angst vor dem Verlassen-werden“, der schafft sich als Erwachsener häufig unbewusst ähnliche Situationen – und führt sich so selbst in einen Teufelskreis.

Viele Menschen glauben sogar, dass „Angst, den Partner zu verlieren“ natürlich und ein Zeichen von Liebe wäre – und deshalb quasi normal sei.

„Wenn der Partner mir wichtig ist, dann habe ich doch wohl auch Angst, ihn zu verlieren“, heißt es dann. Du könntest falscher nicht liegen – doch dazu später mehr.

Gerade wenn die Verlustangst schon in den Anfängen vorhanden ist, wird sie häufig direkt zum Liebeskiller.

Verlustangst fördert drei (zerstörerische) Verhaltensmuster in Beziehungen:

Viele Menschen mit Verlustangst leiden unter dem „Nicht gut genug“ Syndrom – sie haben Angst, dass sie nicht liebenswert sind, dass sie – so wie sie sind – nicht genügen und der Partner sie früher oder später verlassen wird, wenn er das auch erkennt. Diese drei Verhaltensmuster sollen letztlich diese Angst kompensieren:

1. Sicherheitsbedürfnis

Du brauchst es, dass Dein Gegenüber Dir „Sicherheit“ vermittelt, durch z.B. übermäßige Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Liebesbezeugungen und -beweise, Treueschwüre und ähnliches. Dein Partner allerdings kann sich davon schnell eingeengt fühlen… er/sie will ja vielleicht erstmal einfach das Verliebtsein genießen und nicht ständig Deine Ängste besänftigen müssen.

Letztlich sagst Du Deinem Partner mit Deiner Verlustangst nichts anderes als: „Ich glaube Dir nicht, dass Du mich liebst!“ Und wer wird denn auf Dauer jemanden lieben, der einem ständig kommuniziert: „Ich glaube Dir nicht!“ – denn damit zeigst Du ja, dass Du selbst der Meinung bist, nicht liebenswert zu sein. Mit jedem Zweifel an der Zuneigung Deines Partners kommunizierst Du so Deine eigene Unwertigkeit und machst Dich immer unattraktiver.

2. Überhäufung 

Du forderst nicht nach Liebesbeweisen, sondern arbeitest Dich permanent daran ab, dem anderen Liebesbezeugungen abzuringen durch das, was Du alles tust: Geschenke, Gefallen, Überraschungen, Dienstleistungen aller Art… Du wirst versuchen, es ihm/ihr Recht zu machen um jeden Preis – doch meistens ist das viel zu viel. Der andere fühlt sich schnell erdrückt unter so viel Leistungsbereitschaft und Überhäufung – er/sie liebt Dich um Deiner Selbst willen und will vielleicht gar nicht, dass Du all das tust.

Deine beständige Aufmerksamkeit nervt vielleicht sogar und ist viel mehr, als der andere vertragen kann. (Das Gefühl ist ein bisschen wie bei einer Mutter, die für 20 Personen kocht und vier Betten macht, wenn zwei Kinder zu Besuch kommen…Ich hoffe, Du verstehst, was ich meine) Er spürt außerdem vielleicht sogar, dass er manipuliert wird – was ihn von Dir wegtreibt.

3. Eifersucht

Aus lauter Angst, dass der Partner jemand anderen attraktiver finden könnte, sorgst Du dafür, dass es nicht zu irgendeiner Form von Kontakt zwischen dem Partner und anderen Personen des eigenen Geschlechts kommt. Und kommt es doch mal dazu, macht man dem Partner direkt die Hölle heiss mit Szenen und Vorwürfen und unterstellt die Absicht der Untreue.

Ganz ehrlich: Ist ein Mensch untreu und kann mit Monogamie nicht leben, wird keine Eifersucht und kein Vorwurf auf der Welt sie/ihn davon abhalten, auch mit anderen Menschen zu schlafen oder Kontakte zu unterhalten. Nichts was Du tust, kann einen Menschen, der das will, davon abhalten.

Eifersuchtsszenen, Vorwürfe und Beschuldigungen allerdings lösen bei Deinem Partner schlechte Gefühle aus. Du machst Dich also selbst zu einer Quelle für schlechte Gefühle und machst damit – egal ob berechtigt oder nicht , Deinem Partner das Leben zur Hölle. Und vermutlich will er dann weg von der Quelle der schlechten Gefühle…

 

Und so sorgen diese drei Verhaltensmuster immer wieder dafür, dass Deine Verlustangst zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird:

Dein Gegenüber fühlt sich nach einiger Zeit in dieser von Dir aus Verlustangst geschaffenen Situationen so unwohl, dass er früher oder später das Weite sucht und Dich verlässt. Schon fühlst Du Dich in Deiner Angst bestätigt und sie wächst.

Die Angst kann so groß werden, dass Du Dich gar nicht erst auf jemanden einlassen kannst, weil Du befürchtest, dass Du diesen Menschen wieder „verlieren“ könntest.

 

Wie Du Verlustangst überwinden kannst

Zunächst einmal mach Dir klar:

Du kannst allerdings einen Partner nicht verlieren: 

Verlieren kann man nur, was einem gehört und ein Partner gehört Dir nicht!

Ein Partner ist ein freier Mensch mit einem eigenen Leben und einem eigenen Willen. Ein anderer Mensch wird so lange Dein Partner bleiben, wie er glaubt, dass es für ihn gut, hilfreich, schön und nützlich (mit anderen Worten „gewinnbringend“) ist und er in sich das Gefühl von Liebe empfinden kann, wenn er mit Dir zusammen ist.

Dein Partner ist ein eigener, erwachsener, selbständiger Mensch.

Wie Du heute: Du bist ein erwachsener Mensch mit einem eigenen Leben und einem eigenen, freien Willen.

Dein/e Partner/in ist nicht Deine Mutter oder Dein Vater.

Du bist nicht auf ihn angewiesen, um zu überleben.

Er/sie hat nicht da, um sich um Dich zu kümmern.

Er/sie hat nicht die Aufgabe, immer für Dich da zu sein und Dir all das zu geben, was Du von Deinen Eltern nicht oder zu wenig bekommen hast.

Wenn ein anderer, erwachsener Mensch – mit einem eigenen, freien Willen und einem eigenen Leben – der Meinung ist, dass es für ihn nicht mehr gut ist, mit Dir zusammen zu bleiben, dann ist das traurig, doch es sind seine Gefühle. Seine Bedürfnisse. Sein Leben.

Du willst nicht, dass jemand sein Leben mit Dir verbringt, der gar nicht bei Dir sein möchte.

Gerade wenn Du in dieses Muster fällst – wenn Du von Deinem Partner erwartest, dass er sich verhalten soll, wie Du es Dir von Deinen Eltern (oder Deiner Mutter, Deinem Vater) gewünscht hättest, ist dies die sicherste Methode, ihn damit loszuwerden. Denn genau das ist der Moment, wo Du von der Liebe in die Angst und in das Besitzergreifen, in die Manipulation und damit in das „Wegtreiben“ des Partner von Dir wechselst.

Die Verlustangst, die Du auf ihn projizierst, hat nichts mit ihm/ihr und schon gar nichts mit Liebe zu tun, sondern mit einem kindlichen Trauma.

Und Du glaubst unbewusst, wenn Dein Partner Dir „gehört“ – wenn Du alles richtig machst – und Du ganz, ganz sicher sein kannst, dass er Dich niemals verlassen wird, dann wird es Dir besser gehen.

Aber das ist leider ein Trugschluss.

Und es ist keine Liebe.

(D)ein Partner gehört Dir nicht – wenn Du sie/ihn lieben möchtest, dann liebe:

  • Begeistere Dich für diesen Menschen,
  • fühle Dich zu ihm hingezogen
  • respektiere und begehre ihn
  • feiere ihn
  • freu Dich mit ihm
  • sei traurig mit ihm
  • streite mit ihm
  • rede, schweige, schlaf mit ihm
  • hab Sex mit ihm
  • hab Spaß mit ihm
  • begleite ihn und sei da
  • ….

…aber erwarte nicht die Befriedigung all Deiner Bedürfnisse – schon gar nicht entgegen seiner/ihrer Bedürfnisse.

Erinnerst Du Dich: „Wenn der Partner mir wichtig ist, dann habe ich doch wohl auch Angst, ihn zu verlieren“ – war der Satz, auf den ich noch eingehen wollte – und ich habe es schon gesagt und vielleicht ist es Dir auch schon klar geworden:

Wenn jemand nicht mit Dir zusammen sein möchte oder nicht die Art von Partnerschaft will, die Du willst, dann wirst Du ihn mit keiner Manipulationsstrategie der Welt, mit keiner Angst und auch sonst keiner Methode dazu bringen, dass sich das ändert. Am allerwenigsten mit den drei Strategien der Verlustangst (Einforderung, Überhäufung, Eifersucht) – sondern Du wirst diesen Menschen damit nur von Dir wegtreiben.

Wenn ein Partner irgendwann seine Meinung ändert und nicht mehr mit Dir zusammen sein möchte, weil er/sie denkt, dass es nicht mehr richtig ist und nicht mehr passt, dann kannst Du natürlich darum kämpfen. Du kannst ihm/ihr sagen, wie viel Dir die Beziehung bedeutet – aber wenn der andere Dich nicht mehr an seiner Seite haben will: Ganz ehrlich – willst Du mit jemandem zusammen sein, der nicht mit Dir zusammen sein will? Warum? Erscheint es Dir reizvoll, jemanden täglich zu manipulieren, damit er Zeit mit Dir verbringt? Warum?

Natürlich ist es oft traurig und schade, wenn eine Beziehung zerbricht. Doch eine Beziehung sollte doch von beiden gewollt sein. Sie sollte daraus bestehen, dass zwei Menschen zueinander sagen: „Ich bin gerne bei Dir!“

Das wäre ein Schritt zu einer echten, erwachsenen Partnerschaft – eine Partnerschaft auf Augenhöhe, in Liebe und auf Basis gegenseitiger Angebote.

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